Eine Woche in den Tropen - Afrikakulturinstitut

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Eine Woche in den Tropen

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Ghana –  Eine Woche aus Berlin in die Tropen              Anna Maria Hetzer


Dass ich mich plötzlich in Afrika befand, wurde mir erst halb bewusst, als sich unter uns die Sahara erstreckte und neben mir im Flugzeug die heimreisenden Ghanesen das gebratene Huhn mit Reis aus der Lufthansa-Lunch-Box aßen. Vor einigen Stunden hatte ich an der Friedrichstraße die letzten sog. unentbehrlichen Utensilien zusammengesucht: Sonnencreme, Mückenspray gegen heimische und tropische Mücken, Vitamine... und die erstaunte Verkäuferin fast entschuldigend angelächelt, schließlich war es ja tiefster Winter in Berlin.

Hatte ich mich im TXL-Bus um fünf Uhr morgens noch auf die hinterste Bank mit dem heizenden Motor unter mir und außer Reichweite des eisigen Luftzuges, der durch die Tür kroch, gesetzt, wollte ich am Flughafen in Accra testen, wie lange ich mit Mütze, Schal, drei langen und zwei kurzen Oberteilen plus Jacke aushalten würde. Naja. Nicht lange. Mitte Januar ist zwar auch Ghana im Winter bzw. in der Trockenzeit, aber bei über 30° C und über 70% Luftfeuchtigkeit erlebt man vor dem Kulturschock zunächst einen Klimaschock.  

Auf diesem Weg bin ich nach Cape Coast gefahren, einer Hafenstadt im Westen von Accra. Die ganze Küste Ghanas war zu Koloniezeiten die sog. Goldküste, Cape Coast jedoch trug zudem den berüchtigten und schrecklichen Ruf der Sklavenküste. Hier stehen noch heute die Festungen der portugiesischen und später der englischen Gouverneure,  die als Menschenhändler tausende Afrikaner entwurzelten und nach Amerika verschifften. Gleichzeitig ist es auch die Stätte, die Barack Obama als erster amerikanischer Präsident besuchte und der stärksten Ausprägung der afrikanischen Diaspora gedachte.

 
 

Da ich in Elmina wohnte, lief ich den Strand entlang zum nächsten Fischerstandort und erlebte den ersten tatsächlichen Kulturschock. Denn nicht nur wurde ich des rein äußerlichen Unterschieds bewusst, sondern auch der enormen sozialen Kluft zwischen einem sog. unabhängigen Reisenden aus der ersten Welt und der hier vorherrschenden Armut und Rückständigkeit. In Anbetracht dessen muss jede fehlplatzierte Afrika-Romantik zunächst einen beträchtlichen Schritt zurücktreten.

Eine andere Form der Betrachtung gewann ich, als ich auf einer größeren Bank Geld abheben wollte: wahrscheinlich verbrachte ich insgesamt fast zwei Stunden dort, denn während ich mich auswies und meine Kreditkarte zur Prüfung vorzeigte, wurden noch eine Vielzahl anderer Kunden gleichzeitig bedient bzw. Freunden und Familie das Gespräch nicht verweigert. Nebenher lief eine Gospels-CD und besonders beliebte Lieder wurden mehrmals gespielt. Noch nie hatte ich eine ähnlich familiäre Atmosphäre in einer Bank erlebt.

Die nächsten Tage verbrachte ich in Accra auf dem Summit, der speziell dem Thema der Kinderherzchirurgie und kongenitalen Herzfehler gewidmet war, im Allgemeinen jedoch ein Beispiel der Etablierung hochtechnisierter Medizin in der dritten Welt darstellte. Dass dieses Vorhaben durchaus kontrovers diskutiert wird, mag zum Teil auch daran liegen, dass hier der Anachronismus zwischen Industrie- und Entwicklungsländern anhand einer praktischen Ausführung besonders deutlich zum Vorschein kommt: es ist mit Sicherheit keinem Mangel an Motivation oder generellen Fähigkeiten zuzuschreiben. Die Hürden gründen sich vielmehr auf materiellen Notwendigkeiten und selbst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, bleiben die technisch höchst anspruchsvollen Installationen wenig genutzt. D.h. selbst wenn die  Anschaffung von Mitteln gelingt , bleibt die Frage nach der langfristigen, wenn auch übergangsweisen, Betreuung und Ausbildung bestehen. In diesem Projekt in Ghana wird beiden Komponenten von hochrangigen Teams mehrerer Kontinente Rechnung getragen.

 
 
 
 
 

Für mich persönlich waren diese Tage nicht nur neuartig und dadurch an sich schon interessant, sondern ich durfte „Medizin-mal-ganz-anders“ kennen lernen und ins Gespräch mit allen Beteiligten kommen, um somit ein zumindest bisschen differenzierteres Bild von Entwicklungshilfe zu erlangen.

In der Zeit außerhalb des offiziellen Programms fanden sich vor allem Möglichkeiten, auf die Märkte zu gehen, um dort, wie in jeder Stadt, den lebhaftesten Teil des öffentlichen Alltags zu erleben. Es ist nicht einfach, sich in den schmalen Gassen zurecht zu finden, man ist auch viel zu beschäftgigt damit, jedes Detail aufzunehmen und zu bestaunen. Wie es hier wohl in der Regenzeit aussieht? Das meiste spielt sich draußen ab.

 
 
 
 
 

Am Ende meines Aufenthaltes sind wir noch weiter ins Landesinnere gefahren, in einen botanischen Garten, und noch weiter in die Volta-Region an den Stausee. Leider habe ich die großartigen Landschaften und die Natur in der Woche ziemlich vernachlässigt. Allerdings war das wenige, was ich gesehen habe, bereits Anreiz genug, ein weiteres Mal nach Ghana zu fahren, um es näher zu erkunden und sich auf seine natürlichen Gegebenheiten einzulassen.

Diejenigen, die in Entwicklungsländern aufgewachsen sind, sich im Ausland ausbilden und wieder zurückgehen, stehen den Problemen viel näher und sicher ganz anders gegenüber. Bei denen, die sich aus einem anderen Hintergrund dazu verschreiben, beginnt die Begeisterung wahrscheinlich mit einer romantisierten Vorstellung. Allerdings werden sie spätestens bei der Landung mit der Realität konfrontiert und müssen sich neue Fragen stellen.

 
 
 
 
 
 
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